Was macht einen Ort unvergesslich? Warum fühlen wir uns in manchen Hotels sofort willkommen, während andere trotz perfektem Design keine Erinnerung hinterlassen? Für diese Interviewreihe sprechen wir unter anderem mit Menschen aus der Hotellerie. Den Auftakt macht Christiane Lösch vom Hotel Kloster Hornbach. Ein Gespräch über Atmosphäre, Gastfreundschaft, langlebige Qualität – und darüber, warum Reisen heute vor allem eines hinterlassen sollte: Erinnerungen.
Wer durch das Tor des Hotel Kloster Hornbach bei Zweibrücken tritt, merkt schnell, dass dieser Ort nicht versucht, Eindruck zu machen. Er muss es nicht. Die geschichtsträchtigen Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters aus dem Jahr 742 tragen etwas in sich, das vielen Hotels längst verloren gegangen ist: Ruhe. Gemeint ist nicht die inszenierte Ruhe eines Spa-Konzepts. Einen 2.000 Quadratmeter großen Wellnessbereich sucht man hier vergeblich. Gemeint ist jene Art von Stille, die entsteht, wenn ein Ort über Jahrhunderte gewachsen ist und nie jemand versucht hat, ihm eine neue, wenig passende Identität zu geben.
Vielleicht ist es genau das, was heute so selten geworden ist: Orte mit Substanz und Tiefe. Orte, die nicht nach Aufmerksamkeit suchen, sondern nach Haltung streben. Plätze, die Altes bewahren, es schätzen und von echter Gastfreundschaft getragen werden. „Ob ein Haus Atmosphäre hat, das spürt man körperlich“, sagt Christiane Lösch. „Das ist ein Gefühl. Und nicht jeder ist empfänglich dafür.“
Die Inhaberin des Kloster Hornbach spricht viel über Gefühle. Über Materialien. Über Menschen. Über Dinge, die bleiben dürfen. Und auffallend oft spricht sie über etwas, das in der heutigen Hotellerie beinahe altmodisch wirkt: Echtheit.
Denn schöne Orte, so ist sie überzeugt, davon gibt es mittlerweile viele. Solche, die in Erinnerung bleiben, deutlich weniger.
DIE MENSCHEN SIND DIE EIGENTLICHE ARCHITEKTUR
Wer mit Christiane Lösch über Hotels spricht, landet erstaunlich schnell bei den Mitarbeitenden. Bei der Frage, wie sehr Menschen die Wirkung eines Ortes prägen. Oder eben nicht.
Es ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er weit über die Hotellerie hinausgeht. Denn echte Qualität zeichnet sich nicht nur durch schöne Architektur, gute Materialien oder perfektes Design aus. Sie entsteht dort, wo Menschen einem Hotel Persönlichkeit, Wärme und Glaubwürdigkeit verleihen.
Im Kloster Hornbach ist genau das spürbar. Die Mitarbeitenden begegnen Gästen aufmerksam, herzlich und auf Augenhöhe. Man merkt schnell, dass hier Menschen zusammenarbeiten, die gerne Gastgeber sind und als Team harmonieren. „Wenn Mitarbeitende trotz Stress untereinander lachen und scherzen, wirkt das Wunder“, sagt Christiane Lösch. Gäste nähmen sehr genau wahr, welche Stimmung in einem Haus – auch hinter den Kulissen – herrsche. Und diese übertrage sich oft schneller, als man denke. Wo Menschen gerne zusammenarbeiten, fühlen sich meist auch Gäste sofort willkommen.
Ein Haus mit Geschichte und dem Mut, sie weiterzudenken
Die besondere Atmosphäre des Hauses hat sicherlich auch mit seiner Geschichte zu tun. Als Christiane und Edelbert Lösch Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal durch das damalige Kloster gingen, glichen Teile der denkmalgeschützten Anlage einer Ruine. Wie daraus einmal ein Hotel entstehen sollte, war zunächst kaum vorstellbar. Mauern mussten freigelegt, Räume neu gedacht und die historische Substanz mit großer Sorgfalt wieder aufgebaut werden.
Schon damals stand für Familie Lösch fest, dass hier kein austauschbares Hotel entstehen sollte, sondern ein Haus mit Persönlichkeit und einer eigenen Handschrift.
Noch heute lässt es sich Christiane Lösch nicht nehmen, nahezu jedes Detail im Hotel selbst zu gestalten. Ihre Leidenschaft für Einrichtung und, wie sie sagt, „schöne Dinge“, begann früh. Schon als junge Frau streifte sie durch Designmöbelhäuser, sammelte Bilder aus Wohnmagazinen und entwickelte ein feines Gespür für Räume und Stimmungen. Auch bei den letzten umfassenden Renovierungsarbeiten, die 2023 abgeschlossen wurden, überließ sie nichts dem Zufall. Ihre Moodboards klebte sie, ganz analog, in große Ringbücher, kombinierte Stoffe, Farben, Leuchten und Materialien immer wieder neu – so lange, bis sich alles stimmig anfühlte.
Ein Gedanke, der sich im gesamten Haus wiederfindet. Nichts wirkt beliebig oder dem Zeitgeist verpflichtet. Stattdessen folgt das Kloster Hornbach noch immer seinem eigenen Rhythmus. Gerade deshalb wirkt das Haus heute fast wie ein Gegenentwurf zu vielen Orten, die zwar perfekt gestaltet sind, aber kaum Erinnerungen hinterlassen.
Reisen war vermutlich nie einfacher als heute. Gleichzeitig scheint vieles austauschbarer geworden zu sein. Dieselben Materialien, Konzepte und Interior-Ideen. Man kennt das Ambiente oft schon, bevor man eingecheckt hat.
Warum viele Hotels heute nichts mehr hinterlassen
„Kennst du eins, kennst du alle. Dieses Hotelkonzept funktioniert heute nicht mehr“, so Christiane Lösch. Selbst große Hotelketten hätten inzwischen verstanden, dass Standard allein Gäste heute nicht mehr überzeugt – und sie vor allem auch nicht zurückkehren lässt. Also beginnt man mit Storytelling. Manche, findet sie, machen das inzwischen ziemlich gut. Doch Atmosphäre lässt sich nicht einfach dekorieren.
Im Kloster Hornbach war die Geschichte nie bloße Kulisse. Die alten Mauern sprechen für sich. Schon bei seiner Gründung im Jahr 742 war das Kloster ein Ort der Zuflucht für Mönche und Menschen, die hier lebten. Die Mauern, die Architektur und die exponierte Lage oberhalb der kleinen Stadt Hornbach verleihen dem Haus bis heute eine besondere Ruhe und Geschlossenheit.
Dass diese Wirkung erhalten geblieben ist, liegt auch daran, wie behutsam das Kloster Ende der neunziger Jahre umgebaut und neu gedacht wurde. Die Räume wirken weder museal noch beliebig renoviert.
Dabei gehe es ihr gar nicht darum, bestimmte Trends schlechtzureden. „Woanders sähe das vermutlich großartig aus. Aber hier im Kloster passt es einfach nicht“, ergänzt sie. Design und Einrichtung müssen ihrer Ansicht nach immer mit dem Ort und dessen Geschichte zusammen gedacht werden. Das Kloster ist zwar längst kein Kloster mehr, trotzdem ist es bis heute ein Zufluchtsort geblieben.
Respekt vor dem Ort und die Konsequenz, die daraus entsteht, sind Christiane Lösch enorm wichtig. „Uniformität ist das Gegenteil von Spannung“, sagt sie. Räume dürften Brüche haben. So stehen alte Möbel neben modernen, es finden sich Erinnerungsstücke und Dinge müssen nicht perfekt zusammenpassen. Genau daraus entsteht Atmosphäre. Dass das nicht jedem gefällt, nimmt sie gerne in Kauf.
Atmosphäre entsteht nicht aus Gefälligkeit
Christiane Lösch weiß, dass nicht alle Gäste jede Veränderung im Kloster Hornbach automatisch mögen. Wenn neue Möbel einziehen oder vertraute Stücke verschwinden, kommen manchmal auch kritische Fragen. Warum man „diese schönen alten Sofas“ ersetzt habe. Oder weshalb plötzlich moderne Formen neben historischen Mauern stehen. Doch Veränderung – unter der Prämisse, dass das Kloster seinen ursprünglichen Charakter bewahrt – gehört für Christiane Lösch immer zur Weiterentwicklung eines Hauses dazu. „Ich muss hinter dem stehen, was ich tue und verändere“, sagt sie. „Wenn ich es erklären kann, dann ist es authentisch.“
Standard sei nicht mehr gefragt. Viele Gäste suchten heute nach etwas „Besonderem“. Gleichzeitig bedeute dieses Besondere für jeden Menschen etwas völlig anderes. Diese eigenen Vorstellungen machten uns als Individuen ja gerade aus. So gebe es eben auch die Gäste, die sich schwarzes Leder und Chrom wünschen würden. Wohlfühlatmosphäre sei nie etwas Objektives. Wie unterschiedlich Menschen Räume wahrnehmen, stelle sie bei der Lektüre von Architektur- und Interior-Magazinen bei sich selbst fest:
Die eigentliche Kunst liegt für sie deshalb nicht darin, möglichst vielen zu gefallen, sondern darin, eine Atmosphäre zu schaffen, hinter der man selbst wirklich steht. Dazu gehört auch der Mut, anzuecken. Dinge anders zu machen, als erwartet und Entscheidungen zu treffen, die nicht jedem gefallen.
Diese Haltung zeigt sich im Kloster Hornbach nicht nur in großen gestalterischen Fragen, sondern oft in kleinen Details. In Materialien, die mit den Jahren an Charakter gewinnen. In Möbeln, die bleiben. Und in der Überzeugung, dass manches mit der Zeit eher schöner wird als beliebiger.
Qualität beginnt dort, wo Dinge bleiben dürfen
Im Kloster Hornbach bekommen Ledersessel Patina und alte Schränke und Truhen erzählen Geschichten. Nicht alles muss makellos sein. Aber stimmig.
Dass dem so ist, zeigt sich oft in Aspekten, die Gäste eher unbewusst wahrnehmen. In Stoffen, Lichtstimmungen und Materialien. In Möbeln, die aufgearbeitet statt ersetzt werden. So wurden bei den umfassenden Renovierungsmaßnahmen zwischen 2020 und 2023 alle hochwertigen Massivholzeinbauten in der Zimmerkategorie „Shaker“ im Haupthaus des Hotels erhalten und aufwendig überarbeitet. Selbst die vor rund 20 Jahren angeschafften Büromöbel, ebenfalls aus Massivholz, ziehen bis heute mit um, statt ersetzt zu werden – damals eine bewusste Entscheidung für Qualität, obwohl sie deutlich teurer war. Auch die zeitlosen Weishäupl-Gartenmöbel im Biergarten und Innenhof des Klosters stehen bis heute an ihrem Platz. Ausgetauscht wurden sie nie. Sie lassen sich reparieren, aufarbeiten und über Jahrzehnte hinweg weiterverwenden. Für Christiane Lösch gehören sie zu jenen Dingen, die mit den Jahren eher gewinnen als verlieren.
Für Christiane Lösch zeigt sich die intensive Wirkung von langlebiger Wertigkeit vor allem in einem Moment: dem Ankommen. Noch bevor Gäste bewusst wahrnehmen, warum sich ein Ort gut anfühlt, wirken Materialien, Haptik und Verarbeitung bereits zusammen und schaffen ein unmittelbares Gefühl von Wohlbefinden.
Wie wichtig ihr genau diese Wirkung ist, zeigte sich schon beim Umbau des ehemaligen Klosters zum Hotel vor mehr als 25 Jahren. Damals war ursprünglich ein Kunststoffteppich für einige Zimmer vorgesehen. Christiane Lösch bestand stattdessen auf einer Alternative mit 80 Prozent Wollanteil. „Alle haben gesagt: Den Unterschied spürt doch kein Mensch“, erinnert sie sich. „Aber man spürt ihn!“
WARUM ECHTE GASTFREUNDSCHAFT NIE DIGITAL WIRD
Viele Entwicklungen in der Hotellerie beobachtet Christiane Lösch aufmerksam. Digitalisierung gehöre heute selbstverständlich dazu. Auch im Kloster Hornbach werden Prozesse im Hintergrund zunehmend digital unterstützt, vor allem dort, wo Mitarbeitende entlastet und Abläufe vereinfacht werden können. Für Gäste jedoch soll all das möglichst unsichtbar bleiben.
Während viele Hotels inzwischen auf Self Check-in, Self Check-out oder Serviceroboter setzen, bleibt das Kloster Hornbach bewusst bei einem anderen Verständnis von Gastfreundschaft. Gäste werden hier weiterhin von Menschen empfangen, begleitet und verabschiedet. Ein Roboter, sagt Christiane Lösch lachend, würde vermutlich schon am historischen Kopfsteinpflaster oder an den vielen Stufen des Hauses scheitern.
Viel entscheidender sei jedoch etwas anderes.
„Mittlerweile können fast alle mit Smartphones und Apps umgehen“, stellt sie fest. „Aber darum geht es nicht. Menschen möchten gesehen, gehört und angelächelt werden. Genau dadurch entsteht das Gefühl, willkommen zu sein.“ Digitale Lösungen entstehen im Kloster deshalb vor allem dort, wo sie Mitarbeitenden Bürokratie abnehmen und mehr Zeit für Gäste schaffen. Insbesondere die junge Generation, allen voran Tochter Franziska, treibt diese Entwicklungen voran. Für Gäste dagegen verändert sich vor Ort nur wenig. Hochzeits- oder Tagungsbestätigungen mögen heute digitaler organisiert sein als früher, die persönliche Beratung bleibt dennoch dieselbe.
Dass das Kloster nicht jedem kurzfristigen Trend folgt, passt zum Selbstverständnis des Hauses. Weiterentwicklung ist ausdrücklich gewünscht, aber nicht um den Preis von Atmosphäre, Aufmerksamkeit und echter Nähe.
Nicht möglichst viel reisen. Sondern möglichst echt.
Die zunehmende Digitalisierung erklärt für Christiane Lösch auch, warum Orte mit Persönlichkeit, Ruhe und echter Aufmerksamkeit heute wieder an Bedeutung gewinnen. Je digitaler und schneller die Welt wird, desto größer scheint die Sehnsucht nach authentischen Momenten, die sich nicht automatisieren lassen. Nach Häusern, die nicht austauschbar wirken. Nach Erinnerungen, die bleiben.
Früher, sagt Christiane Lösch, sei Reisen auch für sie oft ein „Abhaken“ gewesen. Ziel war es, möglichst viel in kurzer Zeit zu sehen. Heute suche sie dagegen erinnerungswürdige Augenblicke.
Sie erzählt von Neuseeland. Von Cornwall. Von Orten, an die sie gerne zurückkehren würde, diesmal langsamer. Mit mehr Zeit. Weniger Programm. Mehr Aufmerksamkeit für das Dazwischen. „Heute möchte ich Orte intensiver erleben“, sagt sie.
Gerade jüngere Menschen beobachte sie dabei sehr aufmerksam. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit wachse spürbar. Trips, ob nah oder fern, würden viel bewusster geplant als noch vor einigen Jahren. Nicht, weil die Neugier auf andere Länder und Kulturen verschwinde. Sondern weil insbesondere jüngere Menschen stärker hinterfragen, wie und warum sie reisen.
Auch deshalb glaubt sie, dass authentische Orte, die nicht beliebig wirken und an die man gerne zurückkehrt, künftig weiter an Bedeutung gewinnen werden.
Beliebigkeit interessiert Christiane Lösch ohnehin nicht. Einfach irgendwohin zu fahren, nur weil es gerade günstig oder angesagt ist, entspricht nicht ihrer Art. Stattdessen wählt sie Ziele, Hotels und Unterkünfte sehr bewusst aus. Wenn sie länger unterwegs ist, bevorzuge sie oft Ferienhäuser oder Ferienwohnungen. „Ich habe hier Hotel genug“, sagt sie und lacht.
Nach Mallorca reist die Familie beispielsweise seit Jahren immer wieder an denselben Ort. Nicht aus Gewohnheit, sondern wegen des Gefühls, sofort anzukommen. Man kenne die Umgebung, wisse, wo man einkaufen gehe und müsse sich nicht jedes Mal neu orientieren. Auch lasse sie sich unterwegs heute viel lieber einfach einmal treiben als früher. Erst einmal einen Kaffee trinken und Atmosphäre tanken, statt den Tag von Beginn an durchzuplanen.
Am Ende bleibt noch eine letzte Frage. Was bedeutet Reisen heute für Christiane Lösch?
Sie überlegt kurz und schließt: „Erinnerungen. An gemeinsame Zeit und besondere Erlebnisse.“